Märkte werden nicht als zentrale Planung, sondern als Ergebnis spontaner Ordnung verstanden, die durch menschliche Interaktionen entsteht. Ihre Theorien zu Wert, Zeitpräferenz und Geld beleuchten die Dynamiken von Freiheit und Verantwortung, die eine funktionierende Wirtschaft ausmachen.

Ursprung und Namensgebung

Die Österreichische Schule wurde im späten 19. Jahrhundert in Wien begründet. Der Name leitet sich nicht aus einer offiziellen Institution ab, sondern war ursprünglich ein spöttischer Begriff, den Vertreter der deutschen historischen Schule verwendeten, um die „abstrakten“ Theorien von Carl Menger und seinen Schülern zu kritisieren. Menger veröffentlichte 1871 sein einflussreiches Werk Grundsätze der Volkswirtschaftslehre, das die Basis für die Österreichische Schule legte. Seine Ideen stießen auf Widerstand, vor allem von Anhängern der historischen Schule, die empirische und staatlich gelenkte Wirtschaftspolitik bevorzugten.

Ironischerweise wurde aus dem Spott eine Ehrenbezeichnung, die bis heute für eine Denkschule steht, die Individualität, Freiheit und Marktprozesse in den Mittelpunkt stellt.

Wesentliche Aspekte der Österreichischen Schule

Methodologischer Individualismus: Im Mittelpunkt steht das Individuum, dessen Handlungen, Entscheidungen und Präferenzen die Basis wirtschaftlicher Prozesse bilden. Der Markt ist ein Netzwerk, das durch diese Handlungen entsteht.

Subjektive Werttheorie: Der Wert eines Gutes wird nicht durch seine Herstellungskosten bestimmt, sondern durch die subjektive Einschätzung der Individuen. Ein Produkt ist also genau so viel wert, wie jemand bereit ist, dafür zu zahlen.

Zeitpräferenz: Die Österreichische Schule betont die Rolle der Zeit in wirtschaftlichen Entscheidungen. Menschen bevorzugen Güter, die sie heute konsumieren können, gegenüber solchen, die erst in der Zukunft verfügbar sind. Dies erklärt u. a. Zinssätze.

Spontane Ordnung: Märkte sind keine geplanten Konstruktionen, sondern spontane Ordnungen, die aus freier Interaktion entstehen. Eingriffe von außen, wie staatliche Regulierungen, stören diese Ordnung oft mehr, als sie helfen.

Geld als Tauschmittel: Die Österreichische Schule sieht Geld nicht als staatlich geschaffenes Gut, sondern als eine natürliche Entwicklung, die sich durch die Handelsbedürfnisse der Menschen herausgebildet hat. Ludwig von Mises zeigte, dass Geld durch einen evolutionären Prozess entstanden ist, in dem ursprünglich handelbare Waren (wie Gold) als universelles Tauschmittel akzeptiert wurden.

Wichtige methodische und philosophische Ansätze

Praxeologie: Die Wissenschaft vom menschlichen Handeln

Die Österreichische Schule basiert auf der Praxeologie, einer von Ludwig von Mises entwickelten Methode, die wirtschaftliche Phänomene als Folge menschlichen Handelns versteht. Im Gegensatz zu anderen Denkschulen, die auf mathematischen Modellen beruhen, setzt die Praxeologie auf logische Deduktion: Sie analysiert, wie Menschen auf Grundlage ihrer Ziele und Mittel handeln.

Kritik der Zentralplanung

Ein zentraler Punkt der Österreichischen Schule ist die Kritik an zentralisierter Wirtschaftsplanung. Ludwig von Mises argumentierte, dass zentrale Planer niemals die benötigten Informationen über die Präferenzen und Bedürfnisse der Menschen haben können. Friedrich von Hayek erweiterte diese Kritik, indem er zeigte, dass Wissen in einer Wirtschaft dezentral verteilt ist und nur durch den Preismechanismus effizient genutzt werden kann.

Unternehmertum und Unsicherheit

Unternehmer werden in der Österreichischen Schule als zentrale Akteure angesehen, die Unsicherheiten auf dem Markt meistern und Innovationen vorantreiben. Joseph Schumpeter, der oft mit der Österreichischen Schule assoziiert wird, prägte das Konzept der „schöpferischen Zerstörung“, das die Rolle von Innovation und Wettbewerb im wirtschaftlichen Fortschritt beschreibt.

Kapital- und Produktionsstruktur

Im Gegensatz zu anderen Schulen, die Kapital oft als homogen betrachten, betont die Österreichische Schule die Heterogenität von Kapitalgütern. Sie analysiert, wie Produktionsprozesse in unterschiedlichen Stadien organisiert sind und wie sich diese durch Marktveränderungen anpassen.

Kreditzyklen und Konjunkturtheorie

Die Österreichische Schule erklärt Konjunkturzyklen durch künstliche Eingriffe in den Markt, insbesondere durch die Manipulation von Zinsen durch Zentralbanken. Niedrige künstliche Zinsen führen zu Fehlallokationen von Ressourcen und letztlich zu wirtschaftlichen Krisen. Diese Theorie bietet eine Erklärung für die Finanzkrisen des 20. und 21. Jahrhunderts.

Wichtige Protagonisten und ihre Werke

Carl Menger (1840–1921)

Begründer der Österreichischen Schule. Sein Werk Grundsätze der Volkswirtschaftslehre (1871) führte die subjektive Werttheorie ein und legte die Basis für spätere Arbeiten.

Ludwig von Mises (1881–1973)

Einer der einflussreichsten Vertreter. Sein Buch Human Action (1949) ist eine umfassende Darstellung der Österreichischen Wirtschaftslehre. Mises entwickelte auch die Kritik der Zentralplanung und zeigte auf, dass sozialistische Wirtschaftssysteme an der Berechnung wirtschaftlicher Effizienz scheitern.

Friedrich August von Hayek (1899–1992)

Hayek gewann 1974 den Wirtschaftsnobelpreis. Seine Arbeiten, wie Der Weg zur Knechtschaft (1944), analysierten die Folgen von Zentralisierung und staatlichem Eingreifen. Er betonte die Bedeutung von Wissen in dezentralen Märkten.

Murray Rothbard (1926–1995)

Rothbard trieb die Verknüpfung der Österreichischen Schule mit libertären Ideen voran. Sein Buch Man, Economy, and State ist ein Meilenstein, der wirtschaftliche Theorien mit politischer Philosophie verbindet.

Empfohlene Literatur

Einsteigerfreundlich

  • “Was ist Wirtschaft?” von Ludwig von Mises
  • “Grundlagen der Volkswirtschaftslehre” von Carl Menger

Vertiefend

  • “Human Action von Ludwig” von Ludwig von Mises
  • “Man, Economy, and State” von Murray Rothbard
  • “Der Weg zur Knechtschaft” von Friedrich von Hayek

Moderne Perspektive

  • The Bitcoin Standard von Saifedean Ammous (verknüpft die Österreichische Schule mit Bitcoin).
    Erhältlich bei Aprycot Media.

Historische Entwicklung und Einfluss

Nach der Gründung durch Carl Menger wurde die Österreichische Schule durch Eugen von Böhm-Bawerk und Friedrich von Wieser weiterentwickelt. Böhm-Bawerk legte mit seiner Kapital- und Zinstheorie wichtige Grundlagen, während Wieser die Idee des „Grenznutzens“ (Marginal Utility) populär machte.

Im 20. Jahrhundert wurde die Österreichische Schule durch Ludwig von Mises und Friedrich von Hayek weltweit bekannt. Besonders Hayeks Arbeiten während des sozialistischen Kalkulationsstreits – einer Debatte, ob sozialistische Wirtschaftssysteme funktionieren können – festigten die Bedeutung der Österreichischen Schule in der Wirtschaftswissenschaft.

Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet die Schule jedoch in den Hintergrund, da mathematische Modelle und Keynesianismus die akademische Debatte dominierten. Erst durch Persönlichkeiten wie Murray Rothbard und Institutionen wie das Mises Institute erlebte sie eine Renaissance, insbesondere in den USA.

Verbindung zur Philosophie der Freiheit

Die Österreichische Schule ist nicht nur eine ökonomische, sondern auch eine philosophische Bewegung. Sie steht für individuelle Freiheit, Eigentumsrechte und die Einschränkung staatlicher Eingriffe. Diese Werte machen sie zu einer Denkschule, die nicht nur Wirtschaftssysteme analysiert, sondern auch die Grundlagen einer freien Gesellschaft verteidigt.

Die Verbindung zur Bitcoin-Philosophie

Die Prinzipien der Österreichischen Schule harmonieren in vielerlei Hinsicht mit Bitcoin:

  • Dezentralisierung und spontane Ordnung:
    Bitcoin ist ein Beispiel für eine spontane Ordnung, die ohne zentrale Steuerung entsteht. Ähnlich wie freie Märkte basiert Bitcoin auf den freiwilligen Interaktionen seiner Nutzer und entwickelt sich organisch. Die „Schwarmintelligenz“ der Nutzer und Miner schafft ein robustes und faires System.

  • Knappheit:
    Bitcoins begrenztes Angebot von 21 Millionen Einheiten entspricht dem ökonomischen Verständnis der Österreichischen Schule, dass Geld knapp und nicht beliebig vermehrbar sein sollte.

  • Wert des Geldes:
    Wie die Österreichische Schule betont, hat Geld seinen Wert nicht durch staatliche Anordnung, sondern durch Akzeptanz und Vertrauen. Bitcoin verkörpert diesen Ansatz, indem es durch Angebot und Nachfrage sowie die subjektiven Einschätzungen seiner Nutzer wertgeschätzt wird. Der Bitcoin-Markt zeigt, wie Preise durch Angebot und Nachfrage gebildet werden, ohne dass eine zentrale Behörde eingreifen muss.

  • Kritik an Fiat-Geld:
    Die Österreichische Schule sieht die staatliche Kontrolle über Geld kritisch. Zentralbanken, die Fiat-Währungen inflationieren, zerstören Kaufkraft und fördern unproduktive Wirtschaftsstrukturen. Mit seinem begrenzten Angebot stellt Bitcoin eine Alternative dar, die gegen Inflation resistent ist.

  • Zeitpräferenz und Sparen:
    Bitcoin ermutigt seine Nutzer zu langfristigem Denken und Sparen, da das deflationäre Design Anreize schafft, das Geld zu halten statt auszugeben. Dies entspricht den Prinzipien der Österreichischen Schule, die niedrige Zeitpräferenzen und Kapitalbildung fördern.

  • Alternatives Geldsystem:
    Bitcoin erfüllt die Vision der Österreichischen Schule von einem geldpolitischen System, das unabhängig von staatlicher Kontrolle funktioniert und auf freiwilligem Tausch basiert.

Fazit: Bitcoin und die Österreichische Schule – ein starkes Bündnis?

Die Österreichische Schule der Nationalökonomie bietet eine tiefgehende Analyse wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Prozesse, die auf Freiheit, Individualität und dezentraler Ordnung basieren. Ihre Ideen sind zeitlos und gewinnen im Kontext von Bitcoin neue Relevanz. Wer die Prinzipien dieser Denkschule versteht, erkennt in Bitcoin nicht nur ein technisches Experiment, sondern eine Manifestation der Werte, die die Österreichische Schule seit über einem Jahrhundert vertritt: Freiheit, Knappheit und die Kraft des freien Marktes.